Doch bevor Oliver Ehemann das Siegertreppchen betritt, hat er Wichtiges in eigener Sache zu erledigen. Er steigt über die Hantel, die vor ihm liegt, und geht langsam vor zum Bühnenrand. Dort bleibt er stehen. Schaut ins Publikum. Und verneigt sich vor den vielen Fans, die ihn mit "Oli, Oli"-Rufen feiern. Erst dann besteigt er das Podest − jene Stufe, die mit der Zahl "3" beschriftet ist.

Dritter ist er geworden. Hinter dem roten Riesen aus Russland, dem Superschwergewicht Vladimir Sushchak, der in der Altersklasse M1 über 105 Kilogramm wie erwartet Gold abräumt, und hinter Karimov Aghakarim aus Aserbaidschan, der Vizeeuropameister wird. Oliver Ehemann freut sich über Bronze − auch wenn er vergangenes Jahr in Linz noch EM-Silber mit nach Hause nahm. "Diese Bronzemedaille ist wertvoller für mich als Silber. Sie wird auch immer mehr wert sein als jedes Gold, das ich irgendwann einmal vielleicht gewinnen werde", sagt der Bundesliga-Heber des TSV Heinsheim. "Diese Medaille hier vor eigenem Publikum, die bedeutet mir sehr viel."

Kraftakt

Der 35-Jährige sieht müde aus. Und er ist es auch. Die Nacht vor dem Kräftemessen ist nicht die beste gewesen, überhaupt war alles anstrengend in den vergangenen Tagen. Das Mithelfen in der Organisation der Heim-EM. Das Training. Und das lange, lange Warten auf seinen Wettkampf, der der letzte dieser Europameisterschaft ist. Doch auf der Bühne ist er ganz er selbst. Der "Oli", den die Zuschauer so gerne sehen. Er reibt sich die Hände mit Magnesia ein. Er stampft auf den Boden und baut sich wie ein Bär vor der Hantel auf, die manchmal so ein guter Freund und manchmal so ein erbitterter Gegner sein kann.

Heute ist sie der gute Freund. 128 Kilogramm ist die Anfangslast − Oliver Ehemann stemmt sie souverän. Es folgen etwas wacklig die 132 Kilogramm und die wichtigen 135 Kilogramm, die ihn im Rennen halten. Vier der sechs Heber kämpfen um die Medaillen. Gold, das ist klar, geht an Vladimir Sushchak, dem − knapp vor dem Aus − zwei gültige Versuche reichen für den Titel. Um Silber und Bronze streiten Agharkarim, Ehemann und der Schwede Anders Andersson.

Oliver Ehemann erledigt seinen Job. Stößt erst 161 und dann 166 Kilogramm. Der letzte Versuch ist eine Frage des Kalküls. Ehemann könnte auf Nummer sicher gehen und mit 167 Kilogramm Platz drei absichern. Er könnte aber auch Silber attackieren und sich an 174 Kilogramm wagen − auf die Gefahr hin, bei einem Fehlversuch alles zu verlieren, auch Bronze. Der kühle Kopf siegt. Die Kraft des Verstandes und des Körpers. Die 167 Kilogramm meistert der Heinsheimer bravourös.

Kühler Kopf

"174 Kilo sind nicht aus der Welt. Ich hätte sie schaffen können. Aber das Risiko war mir zu groß. Ich wollte eine Medaille, egal welche", sagt Ehemann, dem erstmals seit langer Zeit sechs gültige Versuche in einem Wettkampf gelungen sind. Erst auf dem Siegertreppchen wird der starke Mann etwas schwach. Feucht sind sie, die Augen. "Vier Wochen lang rühr" ich keine Hantel mehr an", kündigt Ehemann an. "Und wenn ich im Trainingsraum bin, dann nur, um ein Bier zu trinken."

Eines dieser Bierchen trinkt er jetzt schon, als er in seinem EM-T-Shirt durch die Halle geht. "Oli, Meister der Herzen", steht auf dem schwarzen Hemd. Ja, das ist er, dieser Oliver Ehemann. Ein Europameister der Herzen.

 

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